Hypothesen zur Transidentität
Wolfgang Baer
Zusammenfassung: Nicht nur „binäre“ Transidenten, sondern auch Intersexuelle und „nicht-binäre“ Transidenten sind oft mit ihrem zugewiesenen Geschlecht unzufrieden.
– Neuere Forschungen ergaben, dass in der Schwangerschaft die Gehirnfunktion im Sinne des empfundenen Geschlechts geprägt wird. „Nicht-binäre“ Transidentität ist häufig und könnte mehr sein als eine Modeerscheinung, aber geschlechtsangleichende Maßnahmen werden von den Krankenkassen verweigert. These: Nichtbinarität könnte durch eine unterbliebene Prägung entstehen.
– Auch bei Intersexualität wird eine adäquate Behandlung verweigert. These: Ein weiblich funktionierendes Gehirn in einem männlichen Körper ist ebenfalls intersexuell. Der immer eindeutig einem Geschlecht zugehörige Körper ist eine Fiktion.
– Häufig treten Transidentität und Autismus gemeinsam auf, besonders bei Europäern (und ihren Nachkommen auf anderen Kontinenten). Für geschlechtsangleichende Maßnahmen soll Autismus als Ursache der Transidentität ausgeschlossen werden. These: Das ist unmöglich, weil der Autismus immer von Geburt an besteht. Die Ausschlusskriterien des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen sind unrealistisch.
Als vor sechs Jahren ein Kollege berichtete, dass jemand eine Mastektomie wünschte, aber kein Transmann sein wollte, wusste niemand damit umzugehen. Inzwischen deklarieren sich regelmäßig 20% der Transidenten als „nicht-binär“, und mir drängt sich der Verdacht auf, dass es doch mehr sein könnte als eine Modeerscheinung – wie bisweilen behauptet wird.
Jetzt ist höchstrichterlich (BSG B 1 KR 16/22 R) entschieden, dass es Nichtbinarität als Identität nicht geben soll, also auch keine Mastektomie für diese Variante der Geschlechtsentwicklung. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MD) lehnt deshalb die beantragten Behandlungen ab. Die Amtsgerichte hatten nach der Einführung des „d“-Geschlechts kein Problem mit der Nichtbinarität, sie setzten auch hier eine „Prägung“ voraus. Es sollte also doch eine nichtbinäre Prägung geben.
Was ist das nun für eine Prägung, die manche Menschen dazu bringt, mit ihrem zugewiesenen Geschlecht unzufrieden zu sein?
Transidentität gab es in allen Ländern zu allen Zeiten, stabil bei 0,5 Prozent, oft verleugnet oder bestraft, ähnlich wie die Homosexualität, die mit 10% ungleich häufiger ist. Der genaue Prozess der Prägung ist noch ungenügend erforscht. Als sicher gilt, dass sich die Genitalien in der ersten Hälfte der Schwangerschaft bilden. Damit ist dann für den „Hebammenblick“ entschieden: Wenn der Penis länger als 2,5 cm ist, dann wird es ein Mann. Aber das Identitätsgeschlecht wird erst in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft entschieden, und jetzt gibt es Forschungsergebnisse, nach denen die Gehirnfunktionen durch hormonelle oder andere Einflüsse eine andere Entwicklung als üblich nehmen können – also etwa ein weibliches Gehirn in einem männlichen Körper1. Dann wäre das „biologische Geschlecht“ obsolet, man könnte diese Entwicklung – wie die Neuropsychologen – eine Variante der Intersexualität nennen. Auch für die Partnerwahl scheint es solche Prägungen in der Schwangerschaft zu geben, deshalb sind endlich Trans- und Homosexualität keine Krankheiten mehr, und Konversionstherapien (also z.B. die „Heilung“ der Homosexualität) sind verboten. (Es gibt sie aber noch.)
Wenn die Transidentität (wie ungefähr fünfzig andere mögliche Besonderheiten in der genetischen Entwicklung) eine Art der Intersexualität ist, dann ist der Medizinische Dienst vollends überfordert. Bei Anträgen auf Geschlechtsangleichung für Transidentität soll immer Intersexualität medizinisch ausgeschlossen werden. Aber untersucht werden nur die „regelrechte“ Lage der Organe und die XX- oder XY-Gene. Viele Varianten der Intersexualität werden nicht diagnostiziert. MD-Angestellte vermeiden in dieser Angelegenheit klare Stellungnahmen. Intersexuelle sind im Gesundheitssystem nicht vorgesehen, sie können nur dann eine Behandlung bekommen, wenn sie an das Geschlecht angeglichen werden sollen, das im Ausweis steht. Und auch da herrscht Verwirrung, weil der Personenstand nach dem neuen Selbstbestimmungsgesetz geändert werden kann. Den MD interessiert allerdings der offizielle Personenstand nicht, hier zählt nur der Hebammenblick und seine damaligen personenrechtlichen Folgen. Dann darf z.B. die XY-Frau2 (bei der Geburt fälschlich zu weiblich erklärt, wegen zu geringer Penislänge) nicht an das gefühlte männliche Geschlecht angepasst werden. Ich weiß von Fällen, in denen sich Gutachter und Ärzte geeinigt haben, dem MD Intersexuelle als binäre Transidenten zu präsentieren, damit die gewünschte Behandlung bewilligt wird. Die Nicht-Binäre wird zum Transmann „frisiert“ und der Klinefelter3 zur Transfrau. Gutachten für geschlechtsangleichende Maßnahmen werden so abgefasst, als ob diese Patienten „binär“ wären, und nach der Bewilligung geht es ihnen besser.
Übrigens, Selbstbestimmungsgesetz: Das hat ja eigentlich keine Folgen, außer der geänderten Rentennummer etc., und dass man jetzt mit weiblichem Aussehen nach Uganda reisen kann, ohne dass im Reisepass ein unliebsamer männlicher Vorname steht. Die Unterstellung, dass männliche Lüstlinge sich als weiblich registrieren lassen könnten, um in die Frauenumkleidekabine einzudringen, ist unrealistisch: Die Entscheidung darüber, wer sich wo umzukleiden hat, trifft jetzt der Betreiber der Anstalt, im Fitnessstudio oder auch im Gefängnis. Einziger Nachteil des neuen Gesetzes: Wer kein Geld hat, konnte sich früher vom Amtsgericht auf Staatskosten ein Gutachten bezahlen lassen, das auch für die Operation verwendet werden konnte. Heute muss es selbst bezahlt werden.
Eine Nonbinarität muss nicht immer endgültig sein. Manchmal ist sie ein Durchgangsstadium auf der Suche nach dem richtigen Etikett, wie Transvestitismus oder (vermutete) Homosexualität (die dann nicht passt, denn schließlich geht es ja nicht um die Partnerwahl, sondern um die eigene Identität). Es gibt Transidenten mit starker Dysphorie (Abneigung) bezüglich der primären Geschlechtsorgane, aber manchmal geht es auch nur um die soziale Rolle, oder um ein wenig Angleichung mit Hormontherapie. Dann muss der MD überhaupt nicht gefragt werden, denn für die Hormontherapie wird in der WPATH-S3-Richtlinie (Version 8) keine Psychotherapie mehr vorausgesetzt. (Die S3-Richtlinie wurde von Fachleuten und Betroffenen verfasst.) (Aber: Die Kassenärztliche Vereinigung unternimmt jetzt Versuche, das zu ändern. Dann müssten vor der Hormontherapie psychotherapeutische Begleitung und Gutachten beigebracht werden.) Psychotherapie kann sinnvoll sein, wenn psychische Komorbidität vorliegt. Viele Transidenten sind Außenseiter, konnten nie über ihre Gefühle sprechen, wurden wegen ihres Verhaltens gemobbt. Wegen der häufigen Suizidversuche und Selbstverletzungen vergeben Psychiater schnell die Diagnose „Borderline“. Das führt beim MD zu einer Ablehnung, und in den Gutachten sollte deutlich geschrieben werden, ob die Transidentität schon vor dem Eintritt der psychischen Symptomatik bestand. Oft stellt sich das vermutete Borderline in der Therapie als Anpassungsstörung (Belastungsstörung) heraus.
Ich vermute, dass die Prägung mehr oder weniger ausgeprägt sein kann, oder vielleicht ist bei Nichtbinarität gar keine Prägung erfolgt.
Auszuschließen sind laut MD auch z.B. Autismus-Spektrum-Störungen als Ursache der Transidentität. Leider ist es unmöglich, den Beginn der Transidentität vom Beginn des Autismus zu trennen, denn Autismus besteht von Geburt an.
Der hohe Anteil von Autisten unter den Transidenten – nach meiner Erfahrung um die 10%, also viel höher als in der Gesamtbevölkerung – ist für mich auffällig. Der Zusammenhang ist statistisch erwiesen, aber eine wissenschaftliche Erklärung gibt es noch nicht4. Früher wurde vermutet, dass bei Autisten das Gehirn zu männlich wäre, und deshalb wären Frauen selten autistisch. Aber jetzt ist klar, dass die Autismus-Dunkelziffer bei Frauen höher ist als angenommen, wie auch höhere Intelligenz bei Frauen oft übersehen wurde. Autismus, Transidentität und Epilepsie befallen beide Geschlechter gleichermaßen, und noch dazu oft gleichzeitig. Für den Autismus gibt es jetzt eine Erklärung, die vielleicht erschreckend klingt: Autismus ist vorwiegend genetisch bedingt und tritt vor allem bei Europäern auf. Angehörige anderer Ethnien sind seltener betroffen. Schuld sind die zwei Prozent des Erbgutes, die vom Neandertaler auf uns gekommen sind5. Die Neandertaler lebten nur in Europa. Sie waren intelligenter als bisher angenommen. Die Mutation zu höherer Intelligenz fand bei unseren gemeinsamen Vorfahren vor 600.000 Jahren statt. Inselbegabungen und detaillierte Ansammlung von Wissen mögen auch ein Vorteil beim Überleben gewesen sein. Durch die Vermischung beider Menschenarten entstand eine höhere Neurodiversität, die gern als krankhaft etikettiert wird, aber oft zu Fortschritten in Wissenschaft und Kunst geführt hat. (Albert Einstein, Temple Grandin, Andy Warhol oder Elon Musk sind bekannte Beispiele.) Auch wenn noch nicht klar ist, warum Autismus oft gemeinsam mit Transidentität auftritt – Pathologisierung und Ausgrenzung sind sicher nicht die angemessene Hilfe.
www-Adressen
1Lars Fischer: https://www.spektrum.de/news/transsexualitaet-zeigt-sich-im-hirnscan/1567148
1ATME e.V.: Biologie der Transsexualität
2https://de.wikipedia.org/wiki/XY-Frau
3https://de.wikipedia.org/wiki/Klinefelter-Syndrom
4Bryony White: The Link Between Autism and Trans Identity – The Atlantic
4Zuri White-Gibson: Autism and Transgender: Is There a Connection? | Psych Central
5Rini Pauly, Layla Johnson, F. Alex Feltus & Emily L. Casanova: Enrichment of a subset of Neanderthal polymorphisms in autistic probands and siblings | Molecular Psychiatry
5NeuroLaunch editorial team: Autism and Neanderthal DNA Connection Explained
Hypotheses about transidentity
Summary: Not only “binary” trans people, but also intersex people and “non-binary” trans people can be dissatisfied with their assigned gender.
– Recent research has shown that during pregnancy, brain function is shaped according to the perceived gender. “Non-binary” trans identity is common and could be more than a fashion phenomenon, but gender reassignment surgery is refused by health insurance companies. Non-binarity could be the result of a lack of imprinting.
– Intersexuality is also denied adequate treatment. A female functioning brain in a male body is also intersexual, the body that always clearly belongs to one gender is a fiction. – Transidentity and autism often occur together, especially in Europeans (and their descendants on other continents). For gender reassignment surgery, autism should be ruled out as the cause of transidentity. This is impossible because autism is always present from birth. The exclusion criteria of the Medical Service of the Health Insurances are unrealistic.
(c) Dipl.-Psych. Wolfgang Baer
Friesenstr.6
10965 Berlin
wolfgangbaer.de
Dipl.-Psych. Wolfgang Baer ist als Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis tätig und Mitglied im Behandlernetzwerk Transidentität Berlin. Schwerpunkte sind Transidentität und Depression.